Autoren bringen regelmäßig ihre Darlings beim Schreiben ihrer Bücher um. In diesem Beitrag geht es darum, was wir davon lernen können und wie wir es schaffen, uns von unseren Darlings zu trennen, die uns nicht mehr weiterhelfen.

Einen Prototypen zu haben ist ein Schritt, ihn zu testen der zweite. Es mag uns zwar schon immens helfen, wenn wir unsere Idee in einen Prototypen verwandeln, aber ihn auch noch anderen Menschen zu zeigen, bedarf einer Menge Mut. Da ist sie sofort wieder, eine unserer größten, menschlichen Ängste: die Angst vor der Zurückweisung. Wir Menschen sind extrem soziale Wesen und eine Zurückweisung wird von unserer Psyche mehr gefürchtet als manch physischer Schmerz. Daher tun wir alles, um ein solches Erlebnis zu verhindern.

Mut ist, wenn man es trotzdem macht

Wir können es uns aber nicht leisten, unseren Prototypen nicht auszuprobieren. Genau dafür sind wir schließlich angetreten. Wir wollten etwas für unseren Kunden entwickeln. Daher müssen wir es ihm auch zeigen, damit wir sein Feedback bekommen. Und wenn wir es ernst meinen, dann zeigen wir ihm den Prototypen nicht nur, sondern bieten ihn einfach mal zum Kauf an und schauen, was passiert. Die Kunden kaufen nicht? Dann ist das eine ideale Gelegenheit nachzuhaken, warum nicht! Wir wollen doch wissen, was dem Prototypen fehlt.

Schonungslosigkeit und Demut

Es bringt uns nichts, um den heißen Brei herum zu reden. Oder den Prototypen bis zur Unkenntlichkeit zu framen. Tun wir stattdessen einfach so, als ob es sich um ein echtes Produkt handelt (oder einen echten Service) und sammeln alles an Feedback ein, was wir bekommen können.

Das ist unheimlich schwer. Wir wollen uns am liebsten sofort rechtfertigen, erklären, warum diese oder jenes noch nicht geht. „Es ist doch nur ein Prototyp! Und Vorsicht, das da kann ganz leicht kaputt… Oh! …gehen.“

Seien wir einmal ehrlich: es ist nicht einfach, kritisches Feedback anzunehmen. Wenn man darin nicht geübt ist, tappen wir von einer Falle in die nächste. Wir wollen uns rechtfertigen, Dinge nicht so stehen lassen, das Bild zurecht rücken. Und so geht es uns auch mit unserer, über die Zeit sehr liebgewonnenen Idee. Da steckt so viel Arbeit und so viel Herzblut von uns drin, dass es für manche Menschen kaum auszuhalten ist, Kritik zu hören.

Verliebt in den Darling

Es ist wie eine kleine Liebe. Erst war es nur eine Idee. Aber jetzt? Jetzt ist es eine Sache geworden. Etwas, was wir mit Ausdauer und Hingabe erschaffen haben. Unser Werk. Wir haben unsere Idee zu einem Darling entwickelt. Ein Teil von uns, in den wir gewissermaßen ein wenig selbstverliebt sind. Das mag ein wenig schräg klingen. Aber wer das schon einmal hinter sich hat, weiß, was für eine Verbindung man aufbauen kann.

Mit der Kritik der Kunden an unserem Darling ist es aber keineswegs schon getan. Das mag zwar schwer sein, doch der schlimmste Teil kommt erst noch. Wir müssen uns im Zweifel von einer Idee oder zumindest ziemlich sicher Teilen davon verabschieden.

Kill your Darlings

In der Belletristik spricht man in diesem Fall von Kill your Darlings. Autoren stehen immer wieder vor dem Problem, dass sie Teile ihres Buches überarbeiten und vor allem kürzen müssen. Ganze Passagen, Kapitel oder sogar vollständige Charaktere fliegen aus einem Skript raus (daher Kill your Darlings). Wenn Sie nicht zur Entwicklung der Geschichte beitragen, verwirren oder sonst keinen Mehrwert liefern, fliegen sie raus. Kein Leser möchte sich in unwichtigen Details aufhalten.

Genauso ist es mit unseren Prototypen. Unser Idee-Darling muss sich im Test mit den Kunden bewähren oder er fliegt raus. Ansonsten haben wir nichts gelernt (was ja eines der Hauptziele unserer Agilität ist) und hätten es gleich von Anfang an bleiben lassen können.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

Das Gute daran aber ist, dass wir nur die Teile der Idee über Bord werfen, die wir nicht gebrauchen können. Alles andere entwickeln wir weiter und verbessern es, so dass ein noch besserer Prototyp, noch ein besserer Darling entsteht.

Üben, üben, üben

Damit uns das im Design Thinking Prozess nicht so schwer fällt, können wir das schon heute üben. Welche Dinge schleppst Du zum Beispiel noch durch Dein Leben, obwohl es längst Zeit gewesen wäre, sich von ihnen zu verabschieden?

Dabei heißt es ja nicht, Dinge gleich zu zerstören! Erst einmal können wir den Dingen dankbar sein, dass sie uns so lange begleitet haben. Und dann müssen sie ja auch nicht in den Müll wandern. Vieles lässt sich verschenken oder sogar verkaufen (Stichwort Flohmarkt).

Schwierig wird das nur bei immateriellen Dingen, wie Ideen und Konzepten. Wir müssen sie zwar loslassen, um den nächsten Schritt zu gehen. Aber hier geht es um die Vernichtung der Idee.

Meine persönlichen Darlings

Ich habe gleich drei Darlings, von denen ich mich dieses Jahr verabschieden will (eines meiner Jahresziele). Das erst ist eher im Scherz gemeint: Meine Frisur. Aber hey… Auch das war eine Idee, die ich ausprobiert habe und von der ich nun am Ende nicht so wirklich überzeugt bin. Also, Haare ab!

Neue Frisur

Die anderen beiden Ideen sind da schon anders. Das eine ist eine Buchidee, dich ich vor einigen Jahren entwickelt habe. Es gibt einen ersten (oder zweiten) Prototypen in Form eines ersten, gesetzten Kapitels mit kompletten Design. Aber ich weiß, dass ich das Buch niemals zu Ende schrieben werde. Trotzdem liegen überall noch die Recherche-Materialien herum: andere Bücher zu dem Thema, Artikel, Skizzen, Mind Maps etc. Plus die ganzen Dateien auf meinem Rechner.

Davon werde ich mich jetzt verabschieden. Und zwar nicht nur ein wenig, sondern mit richtig viel Tamtam drumherum. Ich werde die Idee noch einmal richtig feiern. Sie war eine gute Idee. Aber sie hat es nicht in diese Welt geschafft und nun benötige ich die Energie für andere Projekte. Wie diesen Blog zum Beispiel. Das heißt: alles an Papier kommt in die Tonne, bis auf ein paar wichtige Seiten. Die werde ich verbrennen! Feierlich. Ein Großteil der Bücher ist bereits verkauft und da man Dateien auf dem Rechner nicht verbrennen kann, kommen sie schnöde in den Papierkorb (der dann auch direkt geleert wird). Dann heißt es Lebe wohl! Und ich habe den Teil meines Kopfes endlich wieder frei für andere Sachen.

Ach ja, und mein zweiter Darling ist ganz ähnlich. Der Versuch meiner Promotion. Auch davon werde ich mich nun feierlich verabschieden. Hat halt nicht sein sollen. Und das ist dann auch gut so.

Auf geht’s

Du hast einen Prototyp? Dann raus in die Welt mit ihm! Hol’ Dir das Feedback, das Du brauchst! Und wenn Du noch keinen Prototypen hast, dann übe es, Dich zu trennen. Von Deinen Ideen oder Sachen. Vollkommen egal. Aber übe, Dich von Darlings zu trennen, die Dich nur noch Energie kosten.